Geschichte der koptischen Kirche

Die Koptische Kirche ist die nationale Kirche der ägyptischen Christen. Die Überlieferung führt die Ursprünge des Christentums in Ägypten auf den Evangelisten Markus zurück und sieht in ihm den ersten Patriarchen des apostolischen Stuhls Alexandriens. Die ersten Bezugspunkte zu Jesus sieht die koptische Tradition in der Flucht der heiligen Familie nach Ägypten. Die Erinnerung an dieses Ereignis pflegen die Kopten bis zum heutigen Tag. Dieses Ereignis schuf einen unmittelbaren Bezug zwischen Land und Religion, der sich in Marianischen Wallfahrtsstätten, Klöstern und Kirchen ausdrückt. Es fand seinen Niederschlag auch in vielen volkstümlichen Erzählungen und Wundertaten.

Im Lauf der Geschichte sind zahlreiche Völkergruppen (Armenier, Äthiopier, Syrer und Europäer) nach Ägypten gepilgert und sogar eingewandert, um in der Nähe dieser heiligen Stätten zu sein. Unter den orientalischen Christen wurde das Kloster Moharrak in der Nähe von Assuit, nach der Überlieferung der südlichste Ort der Flucht Jesu, das zweite Jerusalem genannt. Es symbolisiert die Versöhnung mit dem biblischen Ägypten, die Vollendung seiner Geschichte und die Erfüllung der Prophezeiungen über seine endgültige Bekehrung und Segnung. Tief im Bewusstsein der Kopten bleibt jedoch die Christenverfolgung des 3. und des beginnenden 4. Jahrhunderts verankert .Die Kopten begannen mit der Ära der Märtyrer die noch heute gültige innerkirchliche Zeitrechnung. Ihre Jahreszählung beginnt 284 n. Chr., dem Jahr des Amtsantritts des Kaisers Diokletian. Das Märtyrertum blieb immer ein wichtiger Bestandteil der koptischen Identität und eine Konstante der koptischen Geschichte. Das koptische Neujahrsfest ist eher mit dem katholischen Allerheiligenfest vergleichbar als mit Silvester.

Innerhalb des byzantinischen Reiches zeigte die ägyptische Kirche zwei Gesichter: nach aussen wirkte sie im griechischen Gewand und auch in griechischer Sprache, nahm unter ihrem Papst und Patriarchen kräftig Anteil an der Kirchenpolitik des Reiches und errang zeitweise die führende Stellung im Christentum des Ostens. Die ehemalige Grösse dieses Patriarchats lebt fort in dem prunkvollen Titel „Der selige Papst von Alexandria, Patriarch von ganz Ägypten und Pentapolis, Vater der Väter, Hirt der Hirten, Bischof der Bischöfe und Richter der Welt“. Im Inneren hatte die koptische Kirche jedoch eine eigenständige Leistung erbracht, nämlich das Mönchtum entwickelt und es zu grosser Blüte geführt. Hier stand sie ausserhalb des griechischen Einflusses. So war es hier das genuine Ägyptertum, das diese Bewegung trug und entwickelte, beginnend mit Antonios dem Grossen und Paulus von Theben über Apa Makarios und Apa Pachom bis hin zu Schenuda dem Grossen, durch den die Bewegung rein nationale Züge annahm.

So gefestigt in ihrer Eigenart konnte die ägyptische Kirche den Kampf mit Byzanz aufnehmen und durchstehen, als Deuscoros I. (die Kopten nennen ihn „unser Lehrer Deuscoros“) 451 in Chalkedon die Trennung der beiden Naturen Christi für Ägypten ablehnte und damit die Leidenszeit und gleichzeitig die Selbständigkeit der Kirche Ägyptens einleitete. Zusammen mit der syrischen, jemenitischen, äthiopischen und später armenischen Kirche wurde sie „monophysitische Kirche“ genannt. Alle Versuche der Reichskirche, die Ägypter wieder zu gewinnen, schlugen fehl. In Alexandria residierte in voller Pracht der Kaiserliche Patriarch, verächtlich „Melkite“ genannt, während in einem Kloster 9 Meilen westlich von Alexandria der von den Ägyptern verehrte monphysitische Patriarch in grosser Armut lebte. Als die Araber 641 Ägypten eroberten, erkannte der muslimische Feldherr Amr Ibn El’As` - einer der fähigsten und klügsten Männer der frühislamischen Geschichte - die Situation auf Anhieb. Er erkannte den in der Wüste lebenden Patriarchen Benjamin I. an, empfing ihn mit vollem Respekt und übergab ihm alle Besitztümer der Reichskirche. Es gelang dem aus Syrien stammenden Benjamin I., mit grossem Geschick und energischer Hand seine Kirche über die arabische Eroberung hinweg zu retten. Mit diesem Ereignis verabschiedeten sich die ägyptischen Christen von der Weltchristenheit. Von nun an werden sie „Kibt“ genannt, also Kopten, die arabische Bezeichnung der Bewohner Ägyptens. Es ist dies die abgewandelte Form des griechischen Wortes aigyptios und verweist auf die kulturelle und völkische Abstammung von den alten Ägyptern. Die Kirche lebte als eine Minderheit in einem islamischen Reich. Es kam zu einem Leben in einem stets wechselnden Spannungsverhältnis zwischen Islam und Christentum, das für die koptische Kirche bis in die Gegenwart hinein charakteristisch blieb. Es gelang ihr, mit Treue und Hingabe an ihren Glauben und ihre Traditionen das Erbe zu bewahren. Sie überstand nicht nur die Omaiaden, Abbassiden, Fatimiden, Mamelucken, und Osmanen, sondern auch die Bekehrungsversuche der katholischen Kirche und die Missionierung durch die deutschen und amerikanischen Protestanten.

Es gibt keine offiziellen Angaben über die Mitgliederzahl der Koptisch Orthodoxen Kirche in Ägypten. Die Schätzungen variieren zwischen 15 und 20 Millionen. Die Wahrheit dürfte etwa in der Mitte liegen. Die Vitalität der koptischen Kirche beruht neben dem Klerus auf drei Säulen: dem Mönchtum, der Laienarbeit und der Jugend. Das Mönchtum als Träger der Tradition und Disziplin innerhalb der Kirche bildet die Basis für die Wahl der Bischöfe. Die Laienarbeit umfasst neben einem breiten karitativen und administrativen Tätigkeitsfeld das Mitwirken bei allen wichtigen Entscheidungen bis hin zum Vorschlagsrecht bei der Wahl der Pfarrer, der Bischöfe und des Patriarchen. Die Jugendarbeit trägt die Sonntagsschulen und den Dienst in den Gemeinden auf einer breiten Basis. Heute untersteht die Kirche dem Papst und Patriarchen Tawadros II., dem 118. Nachfolger auf dem Stuhl des hl. Markus. Der zunehmende Einfluss der islamistischen Kräfte im Staat und in der Gesellschaft, die Übergriffe der islamischen Extremisten auf Christen sowie die Verschlechterung der Lebensverhältnisse im Allgemeinen führten zur grössten Auswanderungswelle der Kopten aus Ägypten, die nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 begann und bis heute andauert. So entstanden in Kanada, USA und Australien grosse koptische Gemeinden. Auch in den westeuropäischen Ländern, insbesondere in Deutschland, Frankreich, Italien Holland und der Schweiz, entstanden koptische Gemeinden. Die koptische Kirche ist heute mehr als neuzehn Jahrhunderte alt. Doch schon im Alten Testament finden wir Prophezeiungen, die auf sie hinweisen. So steht im Buch des Propheten Jesaja (19,19) : Alsdann wird mitten im Ägypterland ein Altar für den Herrn stehen. Das „Ägypterland“ war schon damals ein Land von grossartiger Kultur und Geschichte, seine Zivilisation bereits 3000 Jahre alt. In der Bibel heisst es, dass der Prophet Moses in sämtlichen Weisheiten Ägyptens erzogen worden war. Nach Ägypten kamen der Vater der Väter, Abraham, später Jakob, Josef, die zwölf Stämme, Moses, der Prophet Jeremias und viele andere. Der Aufenthalt der Heiligen Familie in Ägypten bedeutet jedoch die Krönung all dieser Besuche: Ägypten war ausser seinem Heimatland das einzige Land, in dem der Herr sich aufhielt. Viele Wunder sind damals geschehen, viele Orte seit damals gesegnet. An den Stätten, die der Heiligen Familie als Aufenthalt dienten, wurden Kirchen gebaut, die Menschen aus aller Welt noch heute besuchen.

Der heilige Markus hatte in Alexandria eine berühmte Schule der vorchristlichen Philosophie vorgefunden. Das war für ihn Anlass, die christliche Theologenschule von Alexandria zu errichten. Kultur und Erziehung waren für die koptische Kirche von Anfang an wichtig. Diese Schule von Alexandria wurde schnell in aller Welt bekannt. Viele berühmte Bischöfe jener Zeit gingen aus ihr hervor, zum Beispiel Athinagoras, Pantinos, Klemens und der grosse Origenes, der Vater der Theologie, wie er auch genannt wird. Er hat die Bibel erforscht und kommentiert. In Ägypten liegen also auch die Anfänge der Bibelforschung, der bildhaften (allegorischen) Kommentierung und Betrachtung. Es heisst, dass Origenes mehr als 6000 Kommentare zur Bibel schrieb, dazu sein Hexapla, in dem in sechs Spalten die Bibeltexte im Hebräisch des Alten Testaments und in damals bekannten Übersetzungen zu lesen waren. Zur Schule von Alexandria gehört auch Dedymus der Blinde, der zur Zeit des heiligen Athanasius als Papst Leiter dieser Schule war. 1500 Jahre vor Braille hatte er eine Methode erfunden, die Blinden das Lesen und Schreiben ermöglichte, indem sie sich geschnitzten Holzes bedienten. Das starke Gewicht, das die Koptische Kirche oder die Kirche von Alexandria, wie sie auch genannt wird, auf die Theologie legte, war Auslöser für das Verfassen von Tausenden von Büchern. Im zweiten Jahrhundert war die Bibel schon ins Koptische, die damalige Sprache des Volkes in Ägypten, übersetzt. Die Bibliotheken in aller Welt enthalten noch heute viele koptische Bücher und Manuskripte. Allein im Kloster des heiligen Anba Bischoi im Wadi el Natrun in der Westwüste waren unter den 2400 Mönchen, die in den 400 Jahren seit seiner Gründung dort gelebt haben, 400 Schriftgelehrte.

Aus Ägypten kamen Helden und Verteidiger des Glaubens, deren glanzvollste Gestalt der heilige Athanasius war. Er verteidigte die Göttlichkeit unseres Herrn Jesus Christus in seinem berühmten Werk Contra Arium. Der heilige Hieronymus sagte, dass ohne dieses Werk die Welt in grosser Gefahr war, in den Arianismus zu verfallen. Viermal wurde Athanasius verbannt. Er zog von Land zu Land, hielt Synoden ab und erklärte den wahren Glauben. Schon auf dem Konzil von Nizäa 325 n. Chr., als Diakon, hatte er eine führende Position; er formulierte das Glaubensbekenntnis Wort für Wort. Vier Jahre danach wurde er Papst von Alexandria. Sein Leben widmete er auch als Papst der Verteidigung der Göttlichkeit Jesu Christi. Der heilige Kyrillos von Alexandrien war der führende Kopf des Konzils von Ephesus 431 n. Chr. Überhaupt galten die Patriarchen und Theologen der Kirche von Alexandria damals als die besten Theologen der christlichen Welt. Der erweckte Neid in der Hauptstadt der damaligen Welt - in Konstantinopel, der Hauptstadt des oströ-mischt Reiches, zu dem Alexandria gehörte, und in Rom, der Hauptstadt des west-römischen Reiches. Der Staat mischte sich in Angelegenheiten der Religion ein. Man warf den Alexandrinern vor, eigenmächtig Konzile einzuberufen und durchzuführen. Der heilige Kyrillos wurde „Pharao von Ägypten“ genannt. Die unterschiedlichen Lehren über die Natur Christi schieden auf dem Konzil von Chalcedon 451 n. Chr. die Geister.

Die Kirche von Alexandria ist auch der Ursprung allen Klosterwesens. Das Mönchtum entwickelte sich am Ende des 3. Jahrhunderts n. Chr. Der Mönch ist an nichts Weltliches gebunden. Die Botschaft dieses Lebens verbreitete sich schnell. Viele Menschen suchten die Wüstenväter auf. Ausländische Besucher der Wüstenklöster wie der heilige Palladios, der heilige Kassian oder Rufinus waren Zeugen und Bewunderer des engelhaften Lebens und verbreiteten seine Botschaft in Wort und Schrift. Der heilige Athanasius schrieb die Vita Antonii. Die Idee des Mönchtums breitete sich deshalb auch in der Römischen Kirche aus. Durch sie fand zum Beispiel der heilige Augustinus zum Glauben. Die koptische Kirche hatte so die Rolle eines christlichen Erziehers; sie verband das Suchen der Väter auf Erden nach dem Himmel und das Erbe des kultivierten Ägypten. In der Zeit zwischen dem Konzil von Chalcedon 451 n. Chr. und dem Einbruch des Islam in Ägypten 641 n. Chr. mussten die koptischen Gläubigen, als Monophysiten Anhänger der Zweinaturenlehre (Ergebnis des Konzils von Chalcedon), viele Verfolgungen erleiden. In dieser Zeit des Schreckens wurden nicht nur Päpste abgesetzt und vertrieben. Zehntausende erlitten das Martyrium. Doch die Kopten standen fest zu ihrem Glauben. Zu allen Zeiten lag das Kreuz schwer auf der koptischen Kirche. Auch unter der Herrschaft des Islam wurde sie zwar unterdrückt, doch bis heute hielt sie am Glauben fest.

Für die Erstarkung der koptischen Kirche am Ende des 19. Jahrhunderts gibt es zwei Gründe: Zum einen begann 1893 der Wiederaufbau der Theologischen Hochschule. Zum anderen betreuten neu gegründete Sonntagsschulen die Gläubigen von Kindheit an in jeder Stadt und in jedem Dorf. Heute gibt es Zehntausende von ehrenamtlichen Sonntagsschullehrern, junge Männer und Frauen, die Schüler jeden Alters betreuen. Der Andrang ist so gross, dass in allen Räumen der Kirchen in Schichten unterrichtet und gearbeitet wird. Auch an den Universitäten gibt es christliche Jugendgruppen. Jedes Kloster hat ein Exerzitienhaus. Viele Sonntagsschullehrer wurden Mönche und Priester. Die koptischen Kirchen sind voll; es fehlt an Raum für die vielen Menschen, die freitags und sonntags die Messe mit feiern wollen. Es gibt inzwischen sieben theologische Seminare. Die koptische Kirche gehört der ökumenischen Bewegung an. Die Seelsorge der koptischen Kirche gilt jedoch nicht nur den Gläubigen in Ägypten, sondern auch den jungen Gemeinden in den USA, in Europa, Australien, Asien und dem ausserägyptischen Afrika. Die Kopten wollen Zeugnis für Gott ablegen.